„Hashtag – Wie die digitale Transformation auf die Veranstaltungsbranche wirkt“

Interview mit Sascha Lobo - Autor, Blogger, Microblogger und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation. 

GCB:
Welches sind die wichtigsten Trends der digitalen Transformation, die für die Veranstaltungsbranche wegweisend sind?

Sascha Lobo:
Da wäre zum einen die Verschmelzung der Kommunikation des Veranstalters mit der Kommunikation der Besucher – das Bild, das sich Außenstehende heute von Veranstaltungen machen, wird maßgeblich geprägt durch die Leute vor Ort. Und die sind spontan, emotional und manchmal auch ungerecht. Dafür haben sie eine große Fülle an Kommunikationsmöglichkeiten, die man als Veranstalter miteinplanen kann und sollte.

Zum zweiten verwandelt sich aber auch der Vertrieb bzw. die Hinführung der Besucher auf die Veranstaltungen und die Kommunikation drum herum. Dabei wird die Auswahl aus dem großen Angebot an Veranstaltungen zunehmend "social" – will sagen: soziale Medien als Empfehlungsmaschinerie, als Wegweiser dafür, welche Veranstaltung lohnt und welche nicht. Das klingt für manche gehabt und banal, und trotzdem zeigt der Alltag, das diese Veränderung noch nicht überall hin durchgedrungen ist.

Zum dritten verändert sich natürlich auch das Live-Erlebnis selbst durch die digitale Transformation. Trends wie Augmented Reality, Virtual Reality oder 3D-Projektionen sind nur Schlagworte, die das Verschmelzen der Welten – der digitalen und der Kohlenstoffwelt – beschreiben. Hier ist die Veranstaltungsszene seit langen Jahren selbst Vorreiter im Einsatz von Technik, aber inzwischen ist schon wirtschaftlich betrachtet auch auf kleineren Veranstaltungen eine Menge möglich.

GCB: 
Kerngeschäft der Veranstaltungsbranche ist die sogenannte Live-Kommunikation, also der persönliche Kontakt während eines Event-Anlasses. Welche aktuellen digitalen Tools sind Ihrer Meinung nach vor, während und nach einer Veranstaltung eine sinnvolle Ergänzung zur Live-Kommunikation?

Sascha Lobo:
Das ist meiner Erfahrung nach sehr von der jeweiligen Veranstaltung abhängig und lässt sich daher nur schwer generalisieren. Aber wiederkehrende Elemente sind dabei gar nicht immer große, teure Software-Projekte, sondern vielmehr klug eingesetzte Konzepte und Ideen. Am naheliegendsten, trotzdem noch kein Standard: eigene, funktionierende (und nicht besetzte) Hashtags für Facebook und Twitter. Gut ausgeleuchtete Film- und Foto-Gelegenheiten für das Publikum. Selfie-Anlässe. Was Interaktion angeht, habe ich bis jetzt viele Live-Umfragetools gesehen, mit denen man von der Bühne herunter das Publikum befragen kann – aber wirklich gut funktionieren davon nur wenige. Ich bin selbst 50 bis 70 Mal im Jahr auf der Bühne vor 30 bis 3000 Leuten – diesbezügliche Informationen nehme ich gern entgegen. Interaktion zwischen Publikum und Bühne kann aber auch z.B. über Screens geschehen, auf denen die Bühnenbesetzung etwa den Twitter-Stream zum Veranstaltungs-Hashtag lesen kann. Nur doof, wenn sie dann nicht reagiert. Interessanterweise gibt es ein Problem, an das meiner Erfahrung nach selten gedacht wird: Wie gut ist der Mobilfunk-Empfang in der Location? Wenn man auf sowas nicht achtet, dann ist die gesamte, netzbasierte Kommunikation des Publikums ausgehebelt. Was schließlich Veranstaltungsmarketing angeht – im Digitalen überrascht mich immer wieder, wie gut ein präzises E-Mail-Marketing funktioniert, und zwar davor und danach.

GCB:
Die digitale Transformation bringt auch einige „Spielereien“ mit sich, die im geschäftlichen Umfeld vielleicht „nice to have“, aber nicht unbedingt entscheidend sind. Welche Tools halten Sie für die Veranstaltungsbranche für unverzichtbar und welche kann man im Event-Kontext vernachlässigen?

Sascha Lobo:
Da möchte ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Es ist vielmehr so, dass hier die Zielgruppe das erste und das letzte Wort hat. Und die Zielgruppe ist ein oft erratischer, manchmal merkwürdig handelnder Haufen. Das heißt: Was die Zielgruppe wichtig findet, IST wichtig. Einladungen per Snapchat zu einem Oculus-Rift-Schaukampf, der live auf Twitch übertragen wird? Supertoll und genau richtig, wenn die Zielgruppe das gut findet. Und dann gibt es eben auch Leute wie mich, für die das Tool der "Faxanmeldung" so ausschließend wirkt, dass ich nicht auf Veranstaltungen gehe, die das anbieten. Aus Trotz.

GCB:
Für die Generation Y und jüngere Event-Teilnehmer werden hybride Events mit aufwändiger Technik oft bereits als selbstverständlich vorausgesetzt, während ältere Zielgruppen häufig andere Kommunikationsformen bevorzugen. Welcher digitale Mix spricht Veranstaltungsteilnehmer aus Ihrer Sicht generationsübergreifend an?

Sascha Lobo:
Was die Kommunikation im Vorfeld angeht – für mich ein wichtiger Teil des Events, weil dort Erwartungsmanagement betrieben wird – könnte Facebook hier der wichtigste Teil der Antwort sein, verbunden mit der E-Mail. Das Durchschnittsalter bei Facebook ist knapp über 40 Jahre in Deutschland. Aber auch hier sind die Erwartungen und Gewohnheiten der jeweiligen Zielgruppen sehr viel entscheidender als meine Erkenntnisse über die Veränderung der Kommunikation in der Gesellschaft. Auf den Veranstaltungen selbst ist und bleibt das wichtigste Gerät das in der Tasche der Teilnehmer, nämlich das Smartphone. Und damit meine ich weniger, dass jedes Event eine App braucht. Sondern mehr, dass man die Möglichkeiten der Interaktion, die ohnehin vorhanden sind, in sein Veranstaltungskonzept mit einbezieht. 

GCB:
Glauben Sie, dass Events zum persönlichen Austausch durch die Digitalisierung, z.B. durch Kollaborationstechniken wie Videokonferenzen, Holografie, Telepräsenz etc. an Bedeutung verlieren? Oder gewinnen Events gar an Aktualität durch die neuen digitalen Visualisierungs- und Interaktionsmöglichkeiten wie Augmented Reality, Wearables, digitale Networking-Plattformen, Drohnen und Robotik?

Sascha Lobo:
Es gibt ein sehr schlecht gehütetes Geheimnis: Events und Social Media lieben sich gegenseitig. Das wird so bleiben, "social" in Social Media ist immer Austausch. Und interessanterweise scheint es, als seien die aufgezählten Technologien immer nur theoretisch ein Ersatz – in der Realität dann aber eine Ergänzung und eine Befruchtung. In den 90er Jahren dachte man auch, Computerspiele machen einsam, zehn Jahre später gab es LAN-Parties und heute füllen sich Stadien, um Leuten live beim Spielen zuzuschauen. Trotz Live-Streaming oder gerade wegen.

Sascha Lobo ©Reto Klar
Sascha Lobo ©Reto Klar

MEXCON-Vortrag: „Hashtag – Wie die digitale Transformation auf die Veranstaltungsbranche wirkt“

Sascha Lobo hält am ersten Tag der Mexcon die Abschluss Keynote (powered by IMEX)

Wann: 7. Juni 2016, 13:00 - 14:00 Uhr

Wo: Mercure Hotel MOA Berlin, Hall of Events

Informationen und Anmeldung