Was ist Kunden Nachhaltigkeit wert?

Soziale und ökologische Nachhaltigkeit gewinnt in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Aber ist denn auch das Gros der Konsumenten und Unternehmen inzwischen bereit, für Nachhaltigkeitsaspekte bei Produkten und Dienstleistungen einen Aufpreis zu zahlen oder beschränkt sich die finanzielle Einsatzbereitschaft zurzeit noch auf eine Minderheit engagierter Nachhaltigkeitsverfechter?

Prof. Löschel: Generell kommt es sicher auf die Höhe des Aufpreises für ökologische oder soziale Aspekte eines Produktes oder einer Dienstleistung an. Zudem nimmt die Zahlungsbereitschaft ab, wenn der Betrag nicht transparent und nachvollziehbar ist. Ist ein direkter Nachhaltigkeitsbezug jedoch klar erkennbar und angemessen, ist auch die Akzeptanz für einen Aufpreis oft gegeben. So hat ein Feldexperiment unter Busreisenden uns gezeigt, dass fast ein Drittel der Fahrgäste bereit ist, für die CO2-Kompensation aufzukommen. Es kommt aber auch auf andere Aspekte an: Personen mit höherem Einkommen, höherer Bildung, mit grünen Präferenzen und mit sozialer Kompetenz haben eine größere Zahlungsbereitschaft. Tendenz steigend. Bei Unternehmen sind die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit entscheidend. Darüber hinaus sind höhere Preise für ökologische Aspekte im unternehmerischen Kontext nur beim Vorliegen eines klaren Mehrwerts und mit nachvollziehbarer Argumentation durchsetzbar.

Durch eine konsequent ökologische Ausrichtung eines Hotels oder einer Tagungsstätte könnten sich doch z.B. durch Ressourcen- und Energieschonung, Müllvermeidung, Reduzierung von Logistikkosten durch lokale Partner etc. durchaus auch Einsparpotenziale eröffnen, die zumindest teilweise an den Veranstalter und/oder den Tagungsgast weitergeben werden könnten. Wie ist das in der Praxis - muss Nachhaltigkeit zwangsläufig teuer sein oder kann sie langfristig günstiger sein?

Die Planungen und Maßnahmen von Tagungsstätten und Hotels in punkto Nachhaltigkeit sind in verschiedenen Dimensionen zu betrachten. Natürlich gibt es bei Nachhaltigkeitsambitionen manche Investitionen, die zu Mehrkosten führen. Ob und wie weit man diese Kosten an Veranstaltungskunden weiterreichen kann, hängt vom Mehrwert für den Kunden ab. Oft sind für den Kunden aber auch nicht-finanzielle Aspekte wichtig, was zum Beispiel zur Gewinnung und Bindung von Kunden führen kann, denen Nachhaltigkeitsaspekte wichtig sind. Auf der anderen Seite gibt es auch nachhaltige Maßnahmen, die sogar sofort oder mittelfristig zu Einsparungen führen können. Eingesparte Logistikkosten durch die Auswahl von Lieferanten mit kürzeren Lieferwegen machen sich sofort bemerkbar. Viele Investitionen in Energieeffizienz zahlen sich langfristig aus. Allerdings bestehen hier oft systematische Fehleinschätzungen was die langfristigen Vorzüge angeht. Und daher werden Einsparpotenziale oft noch nicht genutzt. Hier gilt es, Informationslücken zu schließen, ein besseres Verständnis für Nachhaltigkeit zu schaffen, Wertvorstellungen zu ändern und Standards zu etablieren. So kann die Investitionsbereitschaft der Anbieter und eine Zahlungsbereitschaft der Planer generiert werden.

Welchen Einfluss hat Ihrer Meinung nach der immaterielle und finanzielle Wert von Nachhaltigkeit auf die Buchungsentscheidung und die Zahlungsbereitschaft von Veranstaltungsplanern und auf die Preisgestaltung der Anbieter im Tagungs- und Kongressbereich?

Der Mehrwert von Nachhaltigkeit bei der Produkt- oder Leistungscharakteristik ist zum Teil bereits im Bewusstsein der Konsumenten angekommen. Umweltschutz spielt sowohl im persönlichen als auch im wirtschaftlichen Umfeld eine zunehmende Rolle. So haben sich in vielen Unternehmen gewisse Normen bereits etabliert. In der Konsequenz heißt das, wenn die Parameter eines Produktes oder einer Dienstleistung ansonsten gleich sind, wird schon heute die Entscheidung eher für die nachhaltige Variante gefällt. Bei größeren Investitionen wird natürlich genau hingeschaut, aber die Bereitschaft wächst. Auch weil Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Wandel gesteckt sind und es klar ist, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren aussehen wird. Politische und gesetzliche Regulierungen für den Klimaschutz, für Energieeffizienz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit geben die Richtung vor. Kein Dienstleister, kein Unternehmen, kein Kunde wird sich dem entziehen können. Ökologisches Fehlverhalten wird zunehmend sanktioniert. Die Preisgestaltung der Anbieter und die Zahlungsbereitschaft der Kunden werden sich dieser Entwicklung anpassen. Was heute noch ein Verhandlungsargument für spezielle Zielgruppen ist, wird morgen wohl Normalität sein. Ein Umdenken aller Marktteilnehmer ist also dringend erforderlich - auch in der Tagungs- und Veranstaltungsbranche!

Profil

Univ.-Prof. Dr. Andreas Löschel leitet den Lehrstuhl für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik, an der Universität Münster. Er ist Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft" der Bundesregierung.

Vita

Professor Dr. Andreas Löschel ist Professor für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik, an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 2011 ist er Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft" der Bundesregierung. Er ist gewähltes Mitglied der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech) und zudem im "Forschungsforum Energiewende" beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und im Kuratorium des Akademieprojekts "Energiesysteme der Zukunft" der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und acatech. Er war Leitautor für den 5. Sachstandsbericht (2010-2014) des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change - IPCC).

Greenmeetings und events Konferenz - 13. und 14. Februar 2017

Die greenmeetings und events Konferenz, die am 13. und 14. Februar in Waiblingen bei Stuttgart stattfindet, hat das Ziel, ein breites Bewusstsein für nachhaltige Konzepte rund um Tagungen, Kongresse und andere Events zu schaffen. Akteure der Veranstaltungsbranche treffen sich dort zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch und um sich über neueste Trends in Sachen nachhaltiger Veranstaltungsplanung zu informieren. Dienstleister finden auf der greenmeetings und events Konferenz Anregungen zur Entwicklung eigener, nachhaltiger Produkte.