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23 Okt 2018

Innovative Formate: Ein Muss für erfolgreiche Veranstaltungen

Autor: Dr.-Ing. Christian Gross, Head of VDE Conference Service

Interaktion, Dialog, aktive Teilnahme – Veranstaltungsformate müssen heute andere Ansprüche erfüllen als in der Vergangenheit. Seit 2015 beschäftigt sich der Future Meeting Space (FMS) Innovationsverbund, den das GCB German Convention Bureau e.V. gemeinsam mit dem Fraunhofer IAO und EVVC Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren e. V. initiiert hat, intensiv mit den Zukunftsfragen der Veranstaltungsbranche: Wie müssen erfolgreiche Veranstaltungen konzipiert sein? Welche Teilnehmeranforderungen müssen erfüllt werden?

Zu den Kernaussagen, die in bisher zwei FMS Forschungsphasen herausgearbeitet wurden, gehört: Die User Experience muss im Mittelpunkt stehen; Teilnehmer erwarten neue und besondere Erfahrungen, die nachhaltig wirken und Wissenstransfer und Networking befähigen. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass innovative Formate als besonders positiv und förderlich wahrgenommen werden. Wissensaustausch und Lernen, Dialog und Interaktion können dabei interessanterweise auch in scheinbar veralteten Ansätzen gefunden werden, die im Zeitalter der Digitalisierung wichtige menschliche Bedürfnisse erfüllen. Beispiel: das „Englische Parlament“-Format, das der VDE Verband der Elektrotechnik in seinem anstehenden VDE TecSummit einsetzt:

English Parliament set-up
Christian Gross

Dr.-Ing. Christian Groß ist Leiter Konferenzservice beim VDE e. V. Frankfurt am Main.

Set‐Up „Englisches Parlament“ - Welche Chancen bieten zwei Schwertlängen Abstand

Ordnung, Blickkontakt und körperliche Nähe sind wichtig

Die Sitzordnung des englischen Parlament ist in der MICE Welt angekommen. Es ist bemerkenswert, dass diese traditionsreiche Veranstaltungsform offensichtlich zeitgemäß ist und inspirierend für innovative Themen wirkt. Im Zeitalter der Digitalisierung könnte ein solches Veranstaltungskonzept leicht als anachronistisch verstanden werden. Die Praxis zeigt aber, dass Wissensaustausch, Lernen, Dialog und Disput offensichtlich stark mit menschlichen Eigenschaften wie Streitlust und emotionaler Kommunikation verbunden sind. Demzufolge sind Ordnung, Blickkontakt und körperliche Nähe konzeptionell wichtige Elemente.

Wenn der Raum voll ist, schafft diese Sitzordnung eine Atmosphäre wie im Fußballstadion

Das Besondere an der Sitzordnung „englisches Parlament“ ist die zweischenklige, ansteigende Anordnung der Stuhlreihen und die zentral angeordnete Position einer Tafel, an deren Kopfende der Vorsitzende Platz nimmt und an dessen beiden Seiten die Redner einen stark eingegrenzten Raum für ihren Auftritt haben. Das historische Vorbild für diese Sitzungsform ist das House of Commons, das noch heute in den „heiligen Hallen“ des Palastes von Westminster in London tagt. Der Sitzungssaal ist klein und ist in grünem Ton gehalten. Zu beiden Seiten der Kammer gibt es Bänke, die von einem Mittelgang geteilt werden. Weil es im englischen Parlament für 646 Abgeordnete nur 427 Sitzplätze gibt, müssen viele Parlamentarier stehen, was die Atmosphäre zusätzlich auflädt. Wenn das Unterhaus voll ist, spüren die jeweiligen Redner eine emotionale Atmosphäre wie in einem Fußballstadion.

Rote Linien im Abstand von zwei Schwertlängen definieren den Bewegungsraum der Redner

Der Stuhl des Vorsitzenden (Speaker) befindet sich am Kopfende der Kammer. Davor befindet sich eine Tafel, auf die vom Waffenmeister (Sergeant‐at‐Arms) der zeremonielle Streitkolben als Symbol für die Autorität der Krone und des House of Commons gelegt wird. Die Sekretäre (Clerks) sitzen an der Tafel in der Nähe des Speakers, um ihn im Bedarfsfall bei Verfahrensfragen beraten zu können.

Die Regierungsmitglieder sitzen auf den Bänken zur Rechten des Speakers und die Oppositionsabgeordneten auf den Bänken links des Speakers. Vor den Bankreihen zu beiden Seiten befindet sich auf dem Teppich je eine rote Linie, die sogenannte „Bianca‐Line“. Diese beiden roten Linien haben einen Abstand von zwei Schwertlängen zueinander. Einem Abgeordneten (Member of Parliament) ist es während der Sitzung traditionell nicht erlaubt, diese Linie zu überschreiten. Dies soll verhindern, dass ein Abgeordneter, die als Redner agiert, den politischen Gegner auf der gegenüberliegenden Seite wortwörtlich handgreiflich attackiert.

Redner sollen frei sprechen

Es gilt die ungeschriebene Regel, dass Abgeordneten frei sprechen und nicht ablesen sollen. Wenn sie gegen diese Tradition verstoßen opponiert das Auditorium und schreit "reading, reading!". Das Rednerpult ist ein Holzkasten, der unprätentiös auf der zentral aufgestellten Tafel platziert ist. Daran gelehnt demonstrieren die Redner gern ihre Nonchalance. Inhaltlich schätzt das Publikum den raschen Austausch zwischen den Regierungsvertretern und Hinterbänklern. Wer ein Argument vorbringen möchte, steht auf und appelliert damit an den Redner, die Unterbrechung zuzulassen. Das wird normalerweise auch akzeptiert, der Ton ist sachlich und höflich.

Was zeichnete die Sitzordnung „englisches Parlament“ aus?

Übertragen auf die sehr unterschiedlichen Ziele von Veranstaltungen bietet die Sitzordnung

„englisches Parlament“ einige beachtliche Vorzüge.

  • Der Vorsitzende beherrscht und initiiert einen Disput, der räumlich das bipolare Fließen von Worten (diá‐logos) zum Ausdruck bringt
  • Es gibt eine Gewaltenteilung zwischen dem Vorsitzenden (Speaker), dem Veranstalter  (Sergeant‐at‐Arms), dem Redner (Member of Parliament) und dem intensiv an dem Disput beteiligten Auditorium. Das wird durch die roten Linien symbolisiert.
  • Die einfache Technik (Holzpult) verhindert eine mediale Ablenkung und fordert die rhetorischen Fähigkeiten des Redners heraus.
  • Die Enge im Raum, verbunden mit einem Anteil von stehenden Zuhörern schafft eine dichte Atmosphäre, vergleichbar mit Fußballstadien.
  • Die Zuhörer sind aktiver Teil des Geschehens. Eine Ablenkung durch Tischablagen soll die passive Teilnahme erschweren.

 Der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik erprobt im Rahmen des VDE TecSummit vom 13. bis 14. November 2018 in Berlin das Format „englisches Parlament“ im Rahmen der Session „Ethische und gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung“.

Ergebnisse Phase II: Future Meeting Space stellt Erfolgsfaktoren für Veranstaltungen vor

Im Rahmen der zweiten Forschungsphase des Future Meeting Space Projekts wurde seit Spätsommer 2017 untersucht, welche unterschiedlichen Teilnehmertypen es gibt und wie sich die Nutzung unterschiedlicher methodischer und technologischer Elemente bei Veranstaltungen auf Wissensvermittlung, Lernerfolg, Netzwerken und Erlebniswert bei unterschiedlichen Teilnehmertypen auswirkt. Die Ergebnisse werden am 7. November 2018 im Rahmen der Berlin Science Week vorgestellt.