13 Dez 2018

Eventsicherheit: Simulation macht Intuition greifbar.“

Ein Interview zur Technologie der Personenstromsimulation mit Dr. Kneidl von der accu:rate GmbH.

Ob Konzert, Festival oder Sportereignis - auf Großveranstaltungen befinden sich tausende Menschen auf begrenztem Raum. Damit alle ausgelassen feiern können, muss man sich als Besucher auf die Sicherheit verlassen können. Doch in einem solch großen Rahmen ist das Sicherheitskonzept für den Veranstalter keine leichte Aufgabe. Neue Technologien wie computergestützte Simulationen von Personenströmen können hier helfen. Doch was steckt dahinter? Dr. Kneidl erklärt in einem Interview, worauf diese Simulationen basieren und wie sie angewendet werden.

Was sind Personenstromsimulationen? 

Eine Simulation von Personenströmen bildet die Zusammenhänge zwischen der räumlichen und zeitlichen Dimension ab, die durch die Dynamik von Menschen entsteht. Man kann sehen, wann sich wie viele Personen wo befinden.

Woher weiß man denn als IT-ler, wie sich Menschen bewegen? Können Sie das "vorhersehen"?

Wir als IT-ler versuchen, die in der Realität beobachteten Phänomene in Modelle zu übersetzen, die der Computer versteht. Um das Verhalten und die daraus entstehenden Phänomene kümmern sich im Allgemeinen die Psychologen und Kognitionswissenschaftler. Mit diesen arbeiten wir eng zusammen. „Vorhersehen“ können wir nicht – aber durch den Einbezug wiederkehrender Muster sehr gute Prognosen treffen.

Aber Menschen verhalten sich doch nicht alle gleich…

Das stimmt. Aber Menschen passen sich ihren Mitmenschen an, wenn sie sich in größeren Massen bewegen. Bestimmte Grundmuster treten immer wieder auf und können deshalb gut abgebildet werden. Beispielsweise das Vermeiden von Gegenverkehr, weil es mehr Energie kostet gegen den Strom zu laufen, als mit ihm.

Natürlich können wir nicht wissen, in welchem Moment ein einzelner Mensch wo genau entlang gehen wird, aber grundlegende Bewegungsmuster und deren Auswirkungen können über Statistik sehr gut abgebildet werden.

Wo kommt eine Simulation zum Einsatz?

Eine Simulation ist immer dann sinnvoll, wenn die Intuition nicht ausreicht oder der Ernstfall nicht geübt werden kann.

Wenn beispielsweise eine Veranstaltung zum ersten Mal an einem Ort stattfindet, der ursprünglich nicht unbedingt dafür vorgesehen war. Oder wenn man die Geometrie eines Veranstaltungsortes verändern möchte.

Oder in einem Fußballstadion: 40.000 Fans, das Spiel ist auf dem Höhepunkt und das Stadion muss geräumt werden. Im Vorfeld eine Räumungsübung durchgeführt zu haben wäre schön, ist aber nicht realistisch. Eine Simulation kann eine Räumung oder auch einen Ablauf virtuell vorab testen, damit es dann beim Event läuft.

Erhöhen Simulationen wirklich die Sicherheit von Events?

Simulationen entfalten prinzipiell immer zusätzlichen Nutzen, da sie Schritt für Schritt aufzeigen, wohin und wie die Menschenmengen strömen. Sie können sehr schnell Schwachstellen aufdecken und somit letztendlich Katastrophen verhindern. Die einfach verständlichen Videos und Auswertungen zeigen die Ergebnisse der Simulation und sind oft eine wertvolle und objektive Argumentationshilfe. Gerade für die Sicherheitsverantwortlichen eines Events ist es von Vorteil, dass sie zusätzlich zu Ihrer Erfahrung und Ihrem Fachwissen auch noch mit den objektiven Ergebnissen einer Simulation argumentieren können.

Dr. Angelika Kneidl

accu:rate ist eine Ausgründung des Lehrstuhls für Computergestützte Modellierung und Simulation der Technischen Universität München. Hier hat Dr. Angelika Kneidl nach ihrem Informatikstudium zum Thema Navigationsverhalten von Personen promoviert. Es war ihr wichtig, die Forschungsergebnisse im Bereich Personenstromanalyse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mithilfe eines neuen, einzigartigen Modells die Sicherheit von Veranstaltungen zu erhöhen und Abläufe reibungslose zu planen. Seit vier Jahren arbeitet sie eng mit Sicherheitsexperten von Veranstaltungen und Entscheidungs-trägern im Bauwesen zusammen. Dabei liegt ihr Schwerpunkt darin, gemeinsam unter Einsatz von Simulationen die Planung von Veranstaltungen und Gebäuden zu verbessern und damit deren Sicherheit zu erhöhen.

 

 

Simulationsoberfläche accu:rate

 

Ein Beispiel ist die HanseSail in Rostock. Bei der Simulation des Hafenfests kam beispielsweise heraus, dass sich durch die Platzierung eines weiteren Fluchtwegs die Entfluchtung verlangsamt hat. Dies lag an der Beschaffenheit des Veranstaltungsgeländes und der Lage des Fluchtwegs. Vor diesem Fluchtweg kam es zu großen Staus und die Personen konnten nicht ausweichen. Durch Weglassen des Fluchtwegs konnte die Gesamtentfluchtungsdauer wieder gesenkt werden.

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