Christina Buttler

22 April 2020

"Virtuelle Veranstaltungen sind keine technischen, sondern konzeptionelle Herausforderungen"

GCB FutureTalks #7 mit Christina Buttler

Matthias Schultze, Managing Director des GCB, sprach mit Christina Buttler, Director Strategy & Innovation bei MCI Deutschland, über Kongresse und Konferenzen der Zukunft. Sie ist sich sicher: Virtuelle und hybride Veranstaltungsformate werden die etablierten Formate auch nach Ende der Coronakrise verändern.

Matthias Schultze: Wie wirkt sich die aktuelle Situation – die weltweite Ausbreitung des Coronavirus – auf MCI Deutschland aus?

Christina Buttler: Es ist eine Herausforderung, keine Frage. Unser Business ändert sich sowohl situativ, aber auch ein Stück weit für immer. Das Virus – und das ist sicherlich das einzig Positive, das man über diese Situation sagen kann – zwingt uns als Branche und genauso unseren Kunden, Unternehmen und Verbänden, einen Digitalisierungsschub auf, für den wir sonst noch ein paar Jahre gebraucht hätten. Im vergangenen Jahr habe ich so viele Vorträge gehalten und Workshops gegeben, die sich mit Kongressen und Tagungen der Zukunft beschäftigen, und dabei noch zu oft in zweifelnde Gesichter geschaut, wenn ich davon sprach, dass Veranstaltungen ein digitales Vor- und Nachleben und oftmals auch hybride Anteile brauchen. Jetzt sind selbst rein virtuelle Tagungen realisierbar. Und machen wir uns nichts vor: die eindimensionale Vermittlung von Inhalten und Botschaften wird nach Corona ihre Relevanz für Präsenzveranstaltungen verloren haben.

Matthias Schultze: Stichwort „Abstand halten“ – wie hat sich der Arbeitsalltag bei Ihnen verändert?

Christina Buttler: Da sind wir bei MCI tatsächlich enorm im Vorteil gewesen. Der Übergang ins Homeoffice ist reibungslos von statten gegangen. Wir arbeiten ohnehin mit Tools wie MS-Teams und Skype, telefonieren übers Internet, haben ein rein digitales Finanzwesen etabliert, sind Homeoffice geschult und in sich selbst verwaltende Teams organisiert. Wir haben dazu bewusst mehr Video Calls eingeführt, in denen sich Teams oder ganze Units abstimmen und auch mal zusammen Späße machen, lachen und durchs Homeoffice führen. Dazu haben wir virtuelle interne Events etabliert: Yoga, Kochen, Feierabend-Bier, Musik-Sessions und ähnliches. Klar, es kommt auch mal gedrückte Stimmung auf, aber insgesamt habe ich sogar fast den Eindruck, dass wir uns im Persönlichen noch näherkommen.

Matthias Schultze: Wie bewerten Sie die schnelle Entwicklung, aber auch die zukünftige Rolle von virtuellen Veranstaltungsformaten?

Christina Buttler: Natürlich sind digitale Events und Tagungen das große Thema. Das ändert aber rein gar nichts an unserem üblichen Beratungsansatz, nämlich lange und ausführlich mit den Kunden über ihre Projekte zu sprechen und gemeinsam daran zu arbeiten. Dies geschieht zum Beispiel in Form von digitalen Co-Creation-Workshops, in denen die Zielsetzung ihrer Veranstaltung erarbeitet wird. Dann kann eine virtuelle Veranstaltung auch eine Lösung sein – sie muss es aber selbst in Zeiten von Corona nicht unbedingt sein. Die meisten Anfragen unserer Kunden beginnen mit der Bitte, diese oder jene als Präsenzveranstaltung geplante Veranstaltung nun zu digitalisieren. Das bringt aber in der Regel einige Veränderungen an der Struktur der Veranstaltung und ihrem Programm mit sich. Generell lassen sich Frontalvorträge natürlich leichter digitalisieren als interaktive Elemente. Wenn dabei aber ein Tag lang „TV-Sendung“ herauskommt, dürfte jedem klar sein, dass die Plätze vor den Laptops allmählich leer werden. Die virtuelle Veranstaltung stürzt auch endgültig die ansonsten immer noch vorherrschende Unsitte 1-stündiger Vortrags-Monologe vom Sockel. Was ich damit sagen will: eine virtuelle Veranstaltung zu realisieren, ist keine technische Herausforderung, sondern eine konzeptionelle.

Matthias Schultze: Wie wird die momentane Ausnahmesituation Veranstaltungen und Veranstaltungsformate in der Zukunft verändern?

Christina Buttler: Präsenz-Veranstaltungen werden einen höheren hybriden Anteil haben, er wird für alle Beteiligten selbstverständlich geworden sein. Wir werden virtuelle Teilnehmer als gleichberechtigte Teilnehmer akzeptiert haben und sie nicht mehr als Bedrohung realer Teilnehmerzahlen ansehen. Und: Veranstaltungen, welche nicht mehr als eine eindimensionale Vermittlung von Wissen, geschmückt mit ein bisschen Diskussion, anzubieten haben, werden den Weg aus dem virtuellen Raum zurück in die reale Welt nicht finden. Es gibt keinen Grund, und genaugenommen gab es ihn auch schon vorher nicht, dass ein Teilnehmer zu einer solchen Veranstaltung mit Zeit- und Kostenaufwand reist. Denn für dieses Veranstaltungsformat ist die Digitalisierung eine perfekte Lösung. Interaktive und partizipative Formate werden hingegen schnell wieder zurück in das reale Leben finden – auch für sie gibt es zwar charmante digitale Lösungen, die stellen aber eben nur eine zweitbeste Lösung dar. Unsere Prognose: Events und Tagungen mit einem Mehrwert an Community werden einen Boom erleben.