Interkulturelle Kompetenzen

Lernen, die Luft zu lesen

Wo der eine direkte Ansagen macht, kommt der andere durch die Hintertür. Wo manche offen Kritik üben, halten sich andere dezent zurück. Das kann im internationalen Businessumfeld zu Missverständnissen führen, muss es aber nicht. Denn interkulturelle Kompetenzen kann sich jeder aneignen.

Die Welt rückt immer näher zusammen, wir sind in den verschiedensten beruflichen Situationen mit Menschen auf internationaler Ebene verbunden, die Globalisierung bringt uns in Kontakt mit den unterschiedlichsten Kulturen. Aber verstehen wir uns deshalb besser? Schaffen wir es immer, bei Verhandlungen, Meetings oder in internationalen Teams den richtigen Ton zu treffen? Interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln, ist im heutigen Arbeitsumfeld unerlässlich. Wir haben bei einem Expert nachgefragt, worauf es ankommt.

1. Lassen Sie sich nicht durch Ihre Kulturbrille den Blick vernebeln

"Im interkulturellen Umgang stolpern wir oft über unsere eigene Kultur", weist Holger Witzenleiter, Trainer für Interkulturelle Kommunikation, auf einen zentralen Aspekt hin. Denn: Die kulturelle Prägung zeigt sich nicht nur im Verhalten, sondern auch in der Wahrnehmung, d.h. unsere deutsche Kultur sagt uns, wie wir etwas verstehen sollen - und wenn wir mit anderen Kulturen konfrontiert werden, passiert es dann schnell, dass wir Verhaltensweisen falsch verstehen. Damit man die Gesten einer anderen Kultur also richtig einordnen kann, ist es wichtig, im ersten Schritt ein Bewusstsein für die eigene kulturelle Prägung zu entwickeln.

2. Üben Sie sich in Selbstdistanz

Hierbei geht es darum, gewissermaßen den Blick von außen auf sich selbst richten zu können: "Nur dann können wir uns selbst hinterfragen", erläutert der Sozialpädagoge Witzenleiter. Was immens wichtig ist, wenn wir mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenarbeiten und uns mit deren spezifischen Verhaltensweisen in bestimmten Situation auseinandersetzen müssen. Fragen Sie sich, warum Sie dies oder jenes irritiert hat. Das wird Sie schnell auf die eigene kulturelle Prägungen bringen ("Weil wir in Deutschland zur Begrüßung die Hand schütteln, fand ich es unhöflich, das mein Gegenüber dies nicht getan hat.") und dabei helfen, Verständnis für andere Verhaltensweisen zu entwickeln - eine Grundvoraussetzung, um mit diesen dann konstruktiv umgehen zu können.

3. Stichwort: Perspektivenwechsel

Was direkt zum nächsten Punkt führt, den Holger Witzenleiter hervorhebt: "Wer im interkulturellen Kontext punkten möchte, müss in der Lage sein, sich in die Perspektive eines anderen hineinzudenken." Nur dann kann man das, was gesagt und getan bzw. nicht gesagt oder getan wird auch richtig im Kontext der jeweiligen Kultur einordnen. Wenn sich ein chinesischer Geschäftspartner in einer Konfliktsituation z. B. ausweichend verhält, ist das kein Ausdruck von Desinteresse oder gar ein Schuldeingestädnis, sondern trägt aus Sicht des Chinesen dazu bei, das harmonische Miteinander zu wahren, was in der chinesischen Kultur von großer Bedeutung ist. Ganz grundsätzlich kommt gerade im deutsch-asiatischen Kontext zum Tragen, dass wir eine niedrig-kontextuelle Kultur sind, die direkt kommuniziert und Probleme ohne Umschweife verbalisiert, während in asiatischen Ländern das nonverbal und implizit Ausgedrückte zählt (hoch-kontextuelle Kultur). "In Japan gibt es hier den schönen Begriff 'KY' - 'kuuki yomenai'. Damit werden Personen bezeichnet, 'die die Luft nicht lesen können', also: das zwischen den Zeilen Gesagte nicht wahrnehmen", so Witzenleiter.

4. Lernen Sie mit Mehrdeutigkeiten umzugehen

Gerade im deutschen Kulturkreis fällt es uns oft schwer, Mehrdeutigkeiten und Gegensätze zu akzeptieren: Dinge sollen gefälligst entweder so oder so sein und dann, bitte schön, auch immer. Bei der sogenannten Ambiguitätstoleranz geht es darum, auch in interkulturellen Situationen, die sich irgendwie nicht "richtig anfühlen", offen zu bleiben, Mehrdeutigkeiten zu tolerieren und so, z. B. im Kontext von Verhandlungen, produktiv bleiben zu können. "Bleiben Sie ergebnisoffen", rät der Kommunikationsexperte Witzenleiter. "Und urteilen Sie nicht vorschnell abschließend."

Hätten Sie’s gewusst?

... Wenn Deutsche im geschäftlichen Kontext schnell zum Punkt kommen (Stichwort: Sachorientiertheit), ist das für beziehungsorientiertere Kulturen schwer zu verstehen. Portugiesen beispielsweise empfinden bzw. missverstehen das oft als kalt.

... Frankreich ist für Deutsche Kulturschockland Nummer 1: Laut einer Studie ist die Abbrecherquote von Autoindustrie-Managern am höchsten bei den nach Frankreich Entsandten. Warum? Wo Deutsche Regeln befolgen, werden diese von Franzosen gerne mal ignoriert, während wiederum Deutsche die Autorität des Chefs eher hinterfragen als Franzosen, die diese widerspruchslos akzeptieren.

... Wenn ein britischer Geschäftspartner sagt "I hear what you're saying", bedeutet das nicht, dasss er hört, was Sie sagen, und damit einverstanden ist, sondern eher genau das Gegenteil: "Ich halte das für Blödsinn und möchte nicht weiter darüber reden."

Literaturhinweise

  • Interesse, den Blick auf die eigene Kultur auf unterhaltsam Art zu schärfen? Sylvia Schroll-Machl hat in ihrem Buch "Die Deutschen - Wir Deutsche" Erfahrungsberichte von Impatriats und in Deutschland eingesetztem Management-Personal gesammelt.
  • Fallbeispiele für die Kommunikation mit chinesischen Geschäftspartnern finden Sie in dem Buch "Beruflich in China".
  • Erhellend und humorvoll: Die in Berlin lebende chinesische Grafikdesignerin Yang Liu vergleicht in ihrem Buch "Ost trifft West" anhand von Piktogrammen China und ihre neue Heimat. Über dieses Video können Sie einen Blick ins Buch werfen.

Interkulturelles Training

China Das Tagesseminar findet am 26. Januar 2018 in Frankfurt statt. Nach einem einführenden Part zum Thema interkulturelle Kompetenzen am Vormittag steht am Nachmittag China im Mittelpunkt. Den Teilnehmern wird dabei mit Hilfe von vielen praktischen Übungen und Anschauungsbeispielen vermittelt, was bei der sozialen Interaktion mit Kunden und Geschäftspartnern im chinesischen Kulturkreis eine Rolle spielt.